AKTIONEN 24.08.2007
ER LEBT WEITER! HEß-AKTIONSWOCHEN IN SüDBRANDENBURG
Vom leisen Brummen des Motors begleitet, treiben sie langsam und entschlossen die Spree entlang. Nur ihre Umrissen sind im fahlen Schein des Mondes zu erkennen. Die kalte Luft des Fahrwindes kühlt das heiße Blut in ihren Adern, Nebelschwaden steigen dem Wasser empor.

Seitdem die Heß-Aktionswochen begonnen haben, scheint es, als hätte jemand in ein Wespennest gestochen. Zivile und bewaffnete Einheiten des Apparates, teilweise mit Hunden, streifen Tag und Nacht durch die Straßen ihrer Heimat. Sie haben den Auftrag Aktionen der Widerstandsbewegung zum Andenken an dem im Spandauer Gefängnis ermordeten Heß zu verhindern.

Dass sie diesen Auftrag ernst nehmen, das hat ein Widerstandskämpfer aus Altenburg bitter zu spüren bekommen. Sie stellten ihn im August 2005 bei einer Plakat-Aktion und schossen ihn in die Schulter. Schusswaffen gegen Plakate – wie heuchlerisch doch ihre Phrasen von Menschenrecht und Freiheit klingen.

Die Widerstandskämpfer passieren derweile eine Schleuße, dann treibt der Kahn auf die erste Brücke zu. Kein Wort der Verständigung ist nötig und es dauert nicht lange, da prangert das erste Konterfrei des Märtyrers, metergroß an der Wand.

Von weiten sind Sirenen zu hören. Die Einheiten des Apparates werden wohl wieder durch die Straßen jagen, um endlich einige derjenigen, die niemals aufgehört haben an die Wahrheit zu glauben, verhaften zu können. Erfolglos müssen ihre Bemühungen bleiben einen der Widerstandskämpfer in ihrer Heimat stellen zu können. Sie sind hier aufgewachsen, haben als Kinder im Spiel jede Gasse, jeden Schleichweg erkundet und treiben nun, unbehelligt im Schutz der Nacht die Spree entlang.

Eine weitere Brücke wird erreicht. Mehrere Male stößt sich der Kahn von der Wand ab und muss immer wieder in Position gebracht werden - ihr Eifer ist zu groß. Sie müssen sich beeilen, denn die Nacht ist klar und in wenigen Stunden wird die Sonne aufgehen. Etliche Brücken liegen noch auf ihren Weg, den morgen hunderte Touristengruppen beim Besichtigen des Spreewaldes mit dem Kahn zurücklegen werden.

Ein Marder ist auf die Widerstandskämpfer aufmerksam geworden und begleitet sie mit argwöhnischem Blick ein Stück lang am Ufer, dann verschwindet er plötzlich. Die Scheinwerfer eines Wagens sind von weiten zu erkennen, leuchten starr den ganzen Flussarm aus. Motor aus! Vorsichtig tasten sich die Widerstandskämpfer weiter, da erscheint plötzlich am Uferrand eine riesige Trauerweide. Als währe sie nur für diesen Moment vor Jahrzehnten angepflanzt wurden, nimmt sie den Kahn schützenden unter ihrer Krone auf.

Eine Weile müssen sie unter ihrem schützenden Dach verharren. Nur wenige Meter trennt sie von den Wagen, dessen Scheinwerfer das Aufsteigen der Nebelschwaden noch deutlicher zeichnet. Dann verschwindet er in Richtung Stadt und die Widerstandskämpfer können ihren Weg, im klaren Schimmer der Sterne, fortsetzen.

Entsetzt wird der Apparat seine eigene Ohnmacht feststellen müssen. Denn der Geist, der fast ein halbes Jahrhundert über die Gefängnismauern strömte und nach der Ermordung des 93jährigen nur noch mächtiger wurde, er lebt in denen weiter, die noch zu träumen wagen. Und jede Mauerparole, jede Aktion, jede Willensbekundung eines Einzelnen sind Zeugnisse des Weges, der diesen Traum Stück für Stück Wirklichkeit werden lässt - ein Traum, in dem kein Platz mehr ist, für die Herrscher des alten Systems.





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 MATERIAL
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 INFORMATIONEN
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